07 Sep. „Was haben wir gelacht“ – Interview mit den Archive Producerinnen Mona El-Bira und Monika Preischl
Der Kino-Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“ begibt sich auf die Spuren des deutschen Unterhaltungsfernsehens – und schaut in so manche Abgründe. Während eine ganze Generation durch Thomas Gottschalks „Wetten, dass…?“ und die „Harald Schmidt Show“ sozialisiert wurden, gehörten Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Esther Schweins, Bettina Böttinger und Gaby Köster zu den wenigen Frauen, die in den männerdominierten TV-Sendungen sichtbar, laut und auch unbequem waren.
Die GRAP-Mitglieder Mona El-Bira und Monika Preischl habe das Archive Producing für „Was haben wir gelacht“ übernommen. Wir sprechen mit ihnen darüber, welche Herausforderungen und Überraschungen sie bei der Archivrecherche und Rechteklärung für den Film erlebt haben.
Der Film schafft den schmalen Grad zwischen einem Lachen über heute absurd erscheinende Fernseh-Ausschnitte und einem Erschrecken. Wie habt ihr das in eurer Recherche erlebt?
Mona und Monika: Wir waren schon etwas auf die Allgegenwärtigkeit der Frauenfeindlichkeit im Fernsehen vorbereitet. Teils aus anderen Projekten, teils auch weil wir ja gemeinsam gerechnet schon seit Jahrzehnten fernsehen. Viele Formate waren uns noch bekannt, aber natürlich waren immer noch Witze und Momente dabei, die dem Fass den Boden ausgeschlagen haben. „TV Total“ zum Beispiel war damals schon unangenehm und aus heutiger Perspektive einfach nur unmöglich. Gleiches gilt für viele Witze von Harald Schmidt. Gleichzeitig haben wir uns aber auch gefreut, sehr progressive Sendungen von und mit Frauen wieder zu entdecken, die wir vielleicht nicht mehr so auf dem Schirm hatten, wie etwa „Nachtcafé“ mit Maren Kroymann oder „Weiber von Sinnen“ mit Hella von Sinnen.
Gerade die Sammlung der Beispiele, wie oft Frauen damals in Fernsehshows von Moderatoren ungefragt angefasst wurden, wie oft ihr Äußeres kommentiert wurde, ist befremdlich. Welche Momente fandet ihr in der Recherche am erschreckendsten?
Insbesondere die Momente, wo man merkt, dass die betroffenen Frauen einen versteinerten Gesichtsausdruck bekommen. Oder so gut es geht versuchen, den Übergriff wegzulächeln und „professionell“ zu bleiben – wir können uns mit dem Gefühl, dass damit verbunden ist, ja auch identifizieren. Wahrscheinlich hat jede von uns so einen Moment schon einmal erlebt, aber ihn dann direkt vor der Kamera mitanzusehen, ist nochmal extra schmerzhaft.
Könnt ihr ein paar Zahlen nennen? Wie lange habt ihr an diesem Film gearbeitet, wie viele Stunden Archivmaterial gesichtet?
Wir haben 2024 mit der Vorrecherche begonnen – da war das Themenspektrum noch relativ breit aufgestellt. Abgesehen von den Hintergründen und Auftritten der Protagonistinnen, ging es auch ganz allgemein um die Präsenz von Frauen im Fernsehen, insbesondere in den 1990ern und 2000ern. Aber wir haben uns ebenso durch das prominente Unterhaltungsfernsehen der 1960er bis 1980er geschaut. Anfangs nicht nur in Bezug auf Unterhaltung. Wir haben uns z.B. reine Männerrunden bei „Anne Will“ angeschaut, um zu sehen, wie sie damit umgeht. Sehr viele Folgen „B. trifft“ etc. Damit einher ging immer herauszufinden, wer die überpräsenten Männer waren und wie sie ihre weiblichen Gäste und Mitarbeiterinnen behandelten. Also tatsächlich etliche Stunden Archivmaterial. Allein bei „Wetten, dass…?“ haben wir 1992 angefangen und 2002 aufgehört… immer mit einem Auge darauf, wann ein weiblicher Gast da war oder eine weibliche Wettkandidatin.
Habt ihr mit den Protagonistinnen vorher Kontakt gehabt und euch ausgetauscht? Haben sie zum Beispiel Sendungen erwähnt, die ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Der Kontakt mit den Protagonistinnen lief über die Regisseurinnen Eva und Isabel, die auch die Interviews geführt haben. Wenn dann Sendungen erwähnt wurden, wurden diese an uns weitergegeben. Oft nur in Umschreibungen, da ging immer noch ein großer Rechercheaufwand ins Herausfinden, um welche Sendungen oder Folgen es sich konkret handelte.
Den Protagonistinnen werden während der Dreharbeiten Archiv-Ausschnitte als Videoprojektion gezeigt und sie reagieren darauf. Aktuell eine beliebte Interviewstrategie. Was bedeutete das für eure Recherche und Rechteklärung?
Diese Strategie ist immer etwas mit Bauchschmerzen verbunden. Weil sich das Team auf die Verwendung einer Szene verlässt, ein Interview inhaltlich darauf aufbaut, obwohl man nie mit 100-prozentiger Sicherheit weiß, ob man diese Szene später lizenziert bekommt. Das Team war sich dieses Risikos aber bewusst. Nachdem eine ungefähre Auswahl stand, haben wir versucht, einen ersten Überblick über die Problemstellen zu bekommen und die möglichen Rechteinhaber schon einmal abzuklopfen. Aber das Restrisiko bleibt immer…
Gibt es eine Archiv-Szene, die euch besonders viel bedeutet? Oder eine Reaktion einer der Interviewpartnerinnen?
Wahrscheinlich der Live-Moment, wenn Hella von Sinnen in einer Talkshow von einem Mann im Publikum direkt angefeindet wird – es ist einfach ein sehr hartes Beispiel, mit welcher Selbstverständlichkeit Frauen öffentlich diffamiert wurden. Hella von Sinnen geht damit aber so selbstbewusst und stark um, dass es einem gleichzeitig auch zeigt, wie man sich wehren kann.
Ihr habt schon 2024 bei der Kinodokumentation „Riefenstahl“ zu zweit im Team gearbeitet. Welche Vorteile hat das für euch und für die Produktion?
Wir arbeiten tatsächlich seit fast 10 Jahren regelmäßig zusammen an Projekten, dabei teilen wir uns die beauftragten Tage meistens auf. Es ist sicher ein Vorteil für die Produktion, dass wir auch die jeweiligen Urlaubszeiten des anderen abdecken. Aber am Ende ist das Beste daran der gemeinsame Austausch: Es macht einfach wahnsinnig viel Spaß zusammen den vielen Widrigkeiten in diesem Beruf mit viel Humor zu begegnen.
Manchmal hört man, dass es kompliziert sei, die Rechte von manchen Shows wie zum Beispiel „Wetten, dass…?“ zu erhalten, weil die „Wetten, dass…?“-Redaktion das letzte Wort hat. Wie war eure Erfahrung?
Der Film ist eine Ko-Produktion mit dem ZDF, von daher war der Weg da auch schon geebnet, da die Produzentin Uschi Feldges und die Regisseurinnen lange Vorbereitungsgespräche zum Thema des Films mit dem ZDF geführt haben. Die Redakteurinnen und Redakteure waren wirklich sehr offen und hilfsbereit. Schwierig sind die Performances von Sängerinnen und Sänger in der Sendung. Glücklicherweise waren sie für uns nicht so relevant, es ging vor allem um die Momente vor oder nach den Auftritten. Die notwendigen Musikrechte wurden von Milena Fessmann geklärt. Und das Projekt wurde zudem von einem Team von Anwält:innen begleitet, die auch die Verwendung des Zitatrechts abgesichert haben, wo es notwendig wurde.
Es wird die RTL-Sendung „Tutti Frutti“ erwähnt, aber es wird kein Bewegtbildmaterial gezeigt, sondern nur Fotos. Was war der Grund?
Die Rechte für „Tutti Frutti“ liegen unseres Wissens nach bei der Mediaset Group in Italien, die haben alle Lizenzierungsanfragen in der Vergangenheit abgelehnt. Für unseren Zweck waren Fotos da auch ausreichend.
Buch und Regie lagen bei Eva Müller und Isabel Schneider. Wie verlief die Zusammenarbeit? Hatten sie schon konkrete Vorstellungen für das Archiv oder hattet ihr viel Freiheit in der Recherche?
Eva und Isabel haben viel selbst recherchiert und das hat sehr gut funktioniert. Der Austausch war inhaltlich super interessant – wir haben viel über unsere Seherfahrungen gesprochen und eigene Erlebnisse. Gleichzeitig hatten beide Verständnis für die vielen rechtlichen Problemfelder, die mit dem Projekt einhergingen und waren immer bereit für alternative Lösungen, wenn sich Probleme aufgetan haben.
Welche Reaktionen habt ihr vom Publikum auf den Film erlebt?
Es gab tatsächlich viele Momente, in denen besonders junge Frauen sich in den Protagonistinnen wiedergefunden haben. Gerade der Moment, dass sich hier mehrere Generationen Frauenbewegung – mit ihren unterschiedlichen Sichtweisen und Ideen – treffen, ist ein sehr schöner Effekt des Films.
„Was haben wir gelacht“ läuft seit dem 16.07.2026 in den deutschen Kinos.